• Gelebte Leidenschaft

Geschichte & Architektur

Einst die "Wiege Dresdens" // Heute die "gute Stube" unserer Stadt

„Ich bin seit 2007 täglich im Neustädter Barockviertel von Dresden unterwegs. Und ich mag dieses geschichtsträchtige Kleinod im Herzen der Stadt und den unvergleichlichen Charme aus vergangenen Zeiten, der sich mit dem heutigen besonderen Flair in unterschiedlichster individueller, kreativer und genussvoller Weise mischt. Deshalb habe ich es mir als Gästeführer auch zur Aufgabe gemacht, dieses besondere Refugium Anderen näher zu bringen!
Mit Begeisterung führe ich gemeinsam mit weiteren Kollegen jedes Jahr tausende Gäste und Einheimische als "Dresdner Nachtwächter" durch ehemals ALTEN-DRESDEN, die spätere NEUE KÖNIGSTADT von August dem Starken, das Neustädter BAROCKVIERTEL von heute. In diesem liebevoll und aufwendig restaurierten einzigartigen Viertel geht es mit Geschichten durch die schmalen Gassen, Innenhöfe und Passagen bis zum weltbekannten Canaletto Blick an der Elbe. “

ADREAS KÜHNERT / Inhaber DRESDEN KULTTOUREN / www.dresden-barock.de

Die Wiege Dresdens ?

Es ist jetzt nicht so, dass man sich ernsthaft darüber streitet, ob die erste Ansiedlung von Menschen links oder rechts der Elbe stattgefunden hat und dadurch die Entwicklung von DRESDEN ihren Lauf zu einer der weltweit faszinierendsten Städte nahm. Aber Historiker sind sich einig, dass es geografisch mehr als wahrscheinlich ist: es war hier, am Elbufer des heutigen „Neustädter Barockviertels“.

Am Anfang nur ein kleines slawisches Runddorf, wuchs es im 12. Jahrhundert zu einer größeren Siedlung. Aber erst im Jahre 1350 wird es als „Antiqua Dressdin“ erstmals erwähnt. Im Jahre 1403 erhält der Ort „Altendresden“ durch den Markgrafen Wilhelm I. das Stadtrecht. In der Urkunde dazu heißt es, dass man an diesem Ort „kaufen und verkaufen und allerlei Kaufmannschatz und Handlung treiben, brauen, backen, Wein, Bier, Met schenken, allerlei Handwerk und Innungen haben und gebrauchen solle“.

Man hat den Eindruck, daran hält man sich trotz der folgenden wechselvollen Geschichte dieses Viertels noch heute.

Im 16. Jahrhundert lebten rund 1500 Menschen in Altendresden. In der Mitte des 17. Jahrhunderts standen hier 346 bewohnte Häuser, es gab u.a. 12 Leineweber, 17 Wirtschaften und 28 Fleischer. Es gab Kirche, Schule, Krankenstation und Hebamme.

Eine Brücke, die Altendresden mit „Dresdene“ (der heutigen Altstadt) verband, gab es übrigens schon im Jahre 1222. Damal war sie aus Holz, aber schon im Jahre 1287 wurde eine Brücke aus Stein daraus. Damit war sie eine von damals nur 4 Steinbrücken in Europa: Regensburg, Würzburg, Prag und Dresden.

Das Jahr 1685

 Am 6. August 1685 brach im Haus des Tischlermeisters Tobias Edler in der Meißner Gasse – zwischen heutigem Blockhaus und Hotel Westin Bellevue gelegen – ein verheerender Brand aus. Da fast alle Häuser aus Holz waren, griff das Feuer rasch um sich und zerstörte 336 davon. Nur etwa 18 bis 20 Häuser direkt an der Elbe blieben verschont, ebenso der Jägerhof (heute Museum für Sächsiche Volkskunst) und das damalige Rathaus (stand in etwa dort, wo sich heute das Eiscafe VENEZIA befindet), da diese schon aus Stein gebaut waren.
Die obdachlos gewordenen Menschen mussten auf den Wiesen und in den Gärten am Elbufer nächtigen. Viele von ihnen verarmten völlig und mußten noch Jahre später hungernd und bettelnd durch die Gegend ziehen.

Der damalige Landesvater Kurfürst Johann Georg III. beauftragte seinen Oberlandbaumeister Wolf Caspar von Klengel mit dem Wiederaufbau des Stadtteils. Klengel hatte für damalige Zeiten visionäre Pläne, orientierte sich an französischer und italienischer Stadtbaukunst. Aber er scheiterte am erbitterten Widerstand der Altendresdner, die ihre Häuser durch diese Pläne nicht auf ihren alten Grundmauern aufbauen durften.

Altendresden wird August‘s „Neue Königsstadt“.

  So blieb Altendresden über 30 Jahre lang Brache und Schandfleck. Bis August der Starke an die Regentschaft kommt. Im Jahre 1717 erwirbt er das Japanische Palais, um dort seine heute berühmt-berüchtigte Porzellansammlung unterzubringen. Der Anblick rings um das Palais paßte da natürlich nicht dazu.

Und so entschloss er sich, hier seine „Neue Königsstadt“ zu errichten.

Sich der Visionen Klengels erinnernd plant und entwirft Friedrich August I. Kurfürst von Sachsen und als August II. König in Polen höchstselbst zuerst die Königstraße als direkte Blickachse vom Japanischen Palais aus. Die Grundstücke auf der Straße wurden verschenkt. Dafür mußten sich aber die Bauherren an strenge Vorgaben halten, z.B.:

  • es mußte ausschließlich in Stein gebaut werden (wegen der Brandgefahr),-
  • die Häuser durften das das Japanische Palais nicht überragen,-
  • alle Häuser mussten die gleiche Geschosshöhe und –anzahl haben,-
  • die Gebäude mussten himmelsoffene Höfe, mittige Eingänge und Fassadenschmuck darüber aufweisen,-
  • der Anstrich der Häuser durfte nur in hellen Farben erfolgen,-
  • die Häuser mußten Wohnungen zur Fremdvermietung beinhalten (damals ein Novum !)

Durch die strengen Bauauflagen August des Starken entstand mit der Königstraße ein Boulevard von großer Noblesse und Schönheit. Die Häuser auf der Königstraße Nr. 1, 3, 7, 10 und 12 sind heute noch originale Zeugen jener über 300 Jahre alten Bauauflagen.Auch in den abzweigenden Gassen Heinrichstraße, Obergraben, Rähnitzgasse wurde so verfahren. Dort beeindruckt z.B. die Rähnitzgasse Nr. 14 – erbaut um 1730 von dem Mann, der Augustusbrücke und Dreikönigskirche errichtete und nach dem Tod George Bährs die Frauenkirche vollendete: Ratsbaumeister Johann Gottlieb Fehre. Heute ist hier Dresdens einziges Romantikhotel beherbergt.
Und auf der Hauptstraße finden sich die wunderschön restaurierten Häuser Nr. 13, 15, 17 und 19, in denen sich u.a. das Museum der Dresdner Romantik (Kügelgenhaus) und die Kunsthandwerkerhöfe befinden.

Die geistige Elite zu Gast

Man kann getrost sagen, dass ab Mitte des 18. Jahrhunderts in diesem Viertel die geistigen Eliten Deutschlands wohnten oder häufig zu Gast waren: Goethe, Schiller, Kleist, Mozart, Humboldt, Canaletto, Caspar David Friedrich, Dahl, Runge, Graff, Schopenhauer, Nitzsche, Winckelmann, Herder, Schlegel, Novalis...

Zu verdanken war dies vor allem zwei aufgeklärten Männern und Mäzenen, die in ihren Wohnhäusern neben großer Gastfreundschaft eine ausgeprägte Salonkultur für Kunst, Philosophie und Politik pflegten: dem Maler Gerhardt von Kügelgen und dem Juristen, Schriftsteller und Verleger Christian Gottfried Körner. Und ebenso einer Frau - der damals berühmtesten Porträt-und Pastellzeichnerin Sachsens sowie Schwägerin Körners: Dora Stock. Ohne ihre unabhängiges Denken und ihren Esprit wären die literarischen Salons im Hause Körner nie so legendär geworden. Dora Stock hat bewußt nie geheiratet, mehr als ungewöhnlich für die damalige Zeit.
Der Familie Körner verdankt die Welt Schillers „Ode an die Freude“ - sie wurde aus Dankbarkeit für Körner und seine Ehefrau Minna verfasst. Ohne die beiden wäre Schiller vermutlich verhungert.
Von Schopenhauer ist bekannt, dass er sein Haus in der „adligen“ Altstadt verkaufte, um sich hier im Neustädter Barockviertel anzusiedeln. Der Geist des aufgeklärten Bürgertums tat seinem Denken wohl besser – sein Hauptwerk „ Die Welt als Wille und Vorstellung“  verfasste er 1819 hier.

Im 19. Jahrhundert setzten verschiedene Architekten bauliche Akzente. Rokoko, Biedermeier, Klassizismus, Gründerzeit – alles war vertreten. Unter Architekten ist heute weltweit die Dresdner Nieritzstraße bekannt: im Gegensatz zu Möbeln gibt es selten original erhaltene Bauwerke aus der kurzen Periode des Biedermeier (1815-1845) – mit der Nieritzstraße gibt es im Neustädter Barockviertel gleich einen ganzen Straßenzug. Im Zuge der Industrialisierung siedelten sich immer mehr Arbeiter im Viertel an. Es gab Zeiten, da war es auch als „Hurenviertel“ bekannt.

Das Jahr 1945 und die DDR

Bei der Bombardierung Dresdens 1945 wurde das Viertel stark beschädigt, aber nicht zerstört. Die  Häuser brannten zwar größtenteils aus, blieben aber erhalten.
Größeren Schaden richtete die DDR-Zeit an. Für dringend benötigte Erhaltungsmaßnahmen gab es weder Baumaterial noch staatliche Unterstützung. Teilweise verließen die Besitzer daher ihre Häuser und zogen in die zentralbeheizte Platte oder in den Westen.

Das Viertel wurde zum Abriss vorgesehen.

Gerettet haben dieses Kleinod Menschen – zumeist Studenten, Künstler und junge Paare - , die keine Wohnung zugewiesen bekamen und sich einfach „schwarz“ in die leerstehenden Häuser einmieteten. Sie flickten mit viel Kreativität notdürftig die Dächer, damit es nicht reinregnete und retteten damit die 300 Jahre alte Originalbausubstanz vieler Gebäude.

Die „Gute Stube“ Dresdens

Die politische Wende 1989 sorgte dann dafür, dass das Viertel heute wieder in seiner einzigartigen Schönheit erstrahlen kann. Die Häuser wurden an ihre früheren Besitzer restituiert oder fanden Käufer. Mit viel Aufwand wurde und wird immer noch restauriert und saniert.

Das Neustädter Barockviertel ist heute eines der schönsten Viertel in Dresden. Absolut zentrumsnah und doch ruhig gelegen. Hier wird gewohnt und gearbeitet, Handel getrieben und eingekehrt. In den kleinen Läden, Galerien, Ateliers, Boutiquen, Schmuckwerkstätten und Restaurants stehen die Inhaber selbst. Beratung, Qualität und Service wird hier groß geschrieben. Die Einwohner der Stadt vergleichen das Viertel gern liebevoll mit der „guten Stube“ Dresdens.

Hier herrscht eine kreative Atmosphäre, die zum Schlendern, Schauen und Verweilen einlädt. Nirgendwo sonst in Dresden befinden sich so nah beieinander so viele künstlerische, handwerkliche, kulturelle, genussreiche und individuelle Orte, ist Pub neben Sternerestaurant, Second Hand neben Maßschneiderei und Künstleratelier neben Museum zu finden.

Und außerdem: den berühmten CANALETTO-Blick hat man von hier aus !
Canaletto malte 1748 vom Neustädter Ufer aus (unterhalb des heutigen Hotel Westin Bellevue) den Blick auf die weltbekannte Altstadtsilhouette, die damals wie heute beeindruckt und nur 10 Gehminuten vom „Neustädter Barockviertel“ entfernt ist.